Was der Balkan, Social Media und Finanzen gemeinsam haben.

Balkan, Social Media und Finanzen. Drei Themen, zu denen ich eine überaus leidenschaftliche Hassliebe hege und die vermeintlich nichts miteinander zu tun haben – oder doch?

Heute erzähle ich euch drei persönliche Anekdoten, die mit Sicherheit weniger spannend als das Horoskop in der Heute “Zeitung” sind. Weniger spannend und mehr Text, aber dafür weniger Rechtschreibfehler und mehr Denkanstöße. (Heute ratet die Heute den Widdern, ihre Beine nicht übereinander zu schlagen, um Krampfadern zu verhindern. Hört, hört.)

Die Vorgeschichte zu Anekdote 1 fand bereits vor einigen Monaten statt, als ich an einem kalten Wintertag folgende goldene Lebensweisheit ignoriert habe:

Letzteres habe ich getan und lang hat es nicht gedauert bis mich das Leben dafür gestraft hat, denn die Jagd nach der 49er Bim hat mein Handy fast das Leben gekostet. Es ist allerdings nochmal gut ausgegangen: ich habe die Bim erwischt und beim Handysturz hat lediglich der Screen etwas gelitten.
Soviel zur Vorgeschichte, jetzt zur Anekdote. Vor 3 Tagen sieht meine Mutter mein seit Monaten zerbrochenes Display und sagt: “Dijete moje, du kannst doch nicht mit einem kaputten Handy rumlaufen! Wieso kaufst du dir nicht ein Neues?”

Anekdote 2 fand heute in der BAWAG Kantine statt als ich mit zwei Kolleginnen Mittagessen war. Ich wollte meinen Schal nicht mit Mamas selbstgemachter Sarma bekleckern und legte diesen daher auf den Nachbarsessel. Erst als ich abends am Heimweg zu frieren anfing, fiel mir auf, dass der rosa Gucci Schal wohl noch immer am Nachbarsessel liegt.

Die dritte Anekdote hat mit diesen 36 Fragen zu tun, die zwei Menschen dazu bringen sollen sich ineinander zu verlieben. Ich weiß, ihr denkt jetzt:

Denkt was ihr wollt, aber wenn Penny und Sheldon das Experiment machen, werde ich neugierig.
Jedenfalls lautet eine dieser 36 Fragen: “Wenn dein Zuhause in Flammen steht und du – nachdem du deine Liebsten und Haustiere in Sicherheit gebracht hast – eine Sache retten könntest, welche wäre das?”

Also das waren die drei Ereignisse. Wie gesagt, das Heute Horoskop ist unterhaltsamer. (Liebe Waagen, “Ehrlichkeit lohnt sich und kommt irgendwann als Glück auf Sie zurück”, sagt die Heute.) Was an diesen Momenten aber das Ausschlaggebende ist, sind meine Reaktionen in den einzelnen Situationen.

Früher war das zerbrochene Display vom damaligen iPhone ein Disaster, das gleich am nächsten Tag behoben werden musste. Mittlerweile sind die Sprünge im One Plus 2 meine Anti-Diebstahl-Versicherung, die erst dann behoben wird, wenn der Touch nicht reagiert oder wenn sich tatsächlich mal Glassplitter lösen sollten.

Früher hätte ich mich tagelang über den (möglichen?) Verlust eines hochwertigen Markenartikels geärgert, weil dieser ja nicht gerade günstig war. Mittlerweile finde ich es ungefähr so ärgerlich, wie wenn man einen billigen Regenschirm im Lokal vergisst während es draußen regnet.

Früher würde mir auf die Wohnungsbrand-Frage irgendeine Loophole-MacGyver-Antwort einfallen, mit der ich alles von Kristallluster bis Klobürste retten könnte. Mittlerweile würde ich nichts retten wollen. Wobei… in ein paar Wochen fliege ich nach Spanien zum Surfen und Behördengänge sind nicht so meins. Daher würde ich wohl meinen Reisepass holen.

Der Balkan

Der Grund warum mich meine Reaktionen so sehr überraschen ist, dass ich in meiner balkanesischen Umgebung  mit der Bedeutung von Statussymbolen und Anhäufung von Reichtümern quasi groß geworden bin und dadurch sehr stark geprägt wurde. Arbeit auf der Baustelle aber hauptsache Hugo Boss Hemden hier, deutsche Autos da, fette Häuser überall in der Heimat. Das Geld war stets dort, wo es andere sehen konnten und wurde dort gespart wo es andere nicht sehen konnten und es war für mich das Normalste der Welt. “Ima se, moze se” lautet die Devise und heißt übersetzt: “Hast du, kannst du“. Und das wollten alle: viel haben und der Babo sein. Ich wollte zwar nie der Babo sein, die Sefica dafür allemal. Aber gut, nach jahrelangem Kommunismus und Krieg ist das wohl die Jugo*-DNA eingebrannt.

Social Media

Mittlerweile muss man aber nicht mehr aus dem Balkan, Osten oder Kommunismus kommen, um mit der “hast du, kannst du” Mentalität aufzuwachsen. Dank Instagram sind wir Jugos* in Sachen protzen bestenfalls erfahrene Amateuere. Die wahren Protz-Pros sind auch nicht Kim und Kanye sondern 20-jährige no-name Ex-ProvinzlerInnen, die “es geschafft haben” weil sie in Haute Couture Streetstyle Instagram Fotos machen, in Luxuskarossen Instagram Fotos machen, in der First Class und Luxushotels Instagram Fotos machen. Ich sage bewusst, “Instagram Fotos machen” statt “tragen/fahren/fliegen/residieren” weil das wohl öfter der Wahrheit entspricht.

Wie bei Jugos* ist das Geld dort, wo andere es sehen können – mit dem Unterschied, dass die ex-ProvinzlerInnen von Frühstück über Outfit bis Schlafgemach ALLES auf Instagram zeigen und es somit keinen Platz für Abstriche gibt. Alles muss Luxus sein. Und alle müssen es sehen.

Prinzipiell lässt es mich auch echt kalt, dass sie anscheinend ihr eigenes Selbstwertgefühl mit der Anzahl der Follower ihres Fake Jet Set Lifestyle messen. Mein Problem mit dem Fake Jet Set Lifestyle ist, dass er die Werte unserer Gesellschaft ruiniert: während die Oberfläche immer mehr glänzt, bröckelt der Kern und das Innere verdirbt.

Mittlerweile glauben unsere Kinder nämlich, wir lieben sie nicht genug, wenn sie das einzige uncoole Kind in der Klasse sind ohne ein € 700-Handy. 700. Hundert. Euro. Ich hätte mich nicht einmal getraut, mir etwas um ZEHN TAUSEND SCHILLING zu wünschen. Stattdessen habe ich meine Reichtümer (ca. 20 Schilling pro Woche) lieber in Dekaweise Süßigkeiten investiert. Allein bei dem Gedanken an 10.000 Schilling überkommt mich ein saures Centershock-Gefühl.

Im Gegensatz zum früheren Jugo*-“Hast du, kannst du” kennt der Fake Jet Set Lifestyle allerdings keine Grenzen, weil er in alle Lebensbereiche vordringt.

Mittlerweile ist dein Leben nicht aufregend genug, wenn du nicht alle paar Wochen deinen Facebook Freunden zeigt, wohin du diesmal verreist bist. #travelgoals

Mittlerweile lädst du niemanden zu dir nach Hause ein, wenn deine Wohnung nicht perfekt durchgestylt ist. #interiorgoals

Mittlerweile gehst du nicht mehr spontan mit deiner Freundin spazieren, sondern nuckelst an einem Stehtisch in der angesagtesten Rooftop-Bar an deinem € 8-Spritzer. #friendshipgoals

Mittlerweile ist der Maßstab deiner Work-Life-Balance, ob du mit einer Gucci Tasche im Büro antanzt. #lifegoals

Mittlerweile bist du nicht schön genug, wenn deine Augenbrauen und Fingernägel natürlich sind. #eyebrowgoals

Finanzen

Das mag vielleicht überspitzt klingen, ist es aber leider nicht. Ich hätte nicht mal annähernd eine Ahnung, wie verdorben unsere Gesellschaft ist, wenn ich nicht am Anfang meiner Bankkarriere Kreditvergaben genehmigt hätte. Als ich gesehen habe, wieviele junge Menschen gerade mal über die Runden kommen und sich dennoch bis zum Ruin verschulden um mit dem Jet Set Lifestyle mitzuhalten, konnte ich es nicht glauben.

Urlaube, von dem der Kontostand auch 48 Raten später immer noch eine krebsrote Farbe hat.

Autos, die mit einem Crash zum Totalschaden werden können und dennoch 5 weitere Jahre vollgas abgezahlt werden.

Wohnungseinrichtungen, die nach 3 Jahren ausgetauscht werden aber 1o Jahre lang im Online Banking rumstehen.

Umschuldungskredite, um die Kreditkartenschulden und das fette, rote Minus irgendwie in den Griff zu bekommen.

 

Wir leben heutzutage über unsere Verhältnisse, um einem Bild von Wohlstand zu entsprechen, das zwar normal geworden ist aber trotzdem bei Weitem nicht real ist. Tyler Durden hat es bereits in Fight Club voll auf den Punkt gebracht:

In diesem Sinne: collect memories, not things.

 

P.S. Meinen Schal habe ich am nächsten Tag wieder zurück bekommen. Danke an die erhliche Finderin!

*Ich persönlich lehne die Bezeichnung “Jugo” ab und verwende sie hier ausschließlich in sarkastischer Art und Weise.


(c) Anita Sukan 2014